Mittwoch, 18. Juli 2012

YouTube-Serie H+: Bryan Singer zeigt die Welt am Abgrund - und die Zukunft des TV

Am 8. August beginnt der von Produzent Bryan Singer (Dr. House, X-Men) inszenierte Weltuntergang. Da feiert seine neue Serie H+ Premiere. Und zeigt neben einer Welt am Abgrund auch eine mögliche Zukunft des TV. Denn H+ The Digital Series wurde für Googles Videoportal YouTube produziert und läuft auch exklusiv dort.

Zu Beginn sehen wir eine Welt, in der sich Menschen via Implantat mit dem Internet verbinden können. Kein Smartphone, keine AR-Brillen, sondern die direkte Verknüpfung mit dem Netz, bedient durch Augenbewegungen und Gesten. Diese schöne neue Interface-Welt hält indes nicht lang - denn das H+-Netzwerk fängt sich einen Virus ein. Und die Implantats-Version des Bluescreens of Death löscht mal eben ein Drittel der Menschheit aus.

H+ als Serie widmet sich dieser apokalyptischen Welt, der Frage, wie die Überlebenden klar kommen und was oder wer hinter der Katastrophe steckt. Im Trailer sieht das beeindruckend, bedrückend und nachhaltig spannend aus:



Singer, der bislang nicht zu den üblichen Verdächtigen bei Web-Serien gehörte (Tschuldigung, flacher Witz), folgt damit einem Trend: dem Produzieren exklusiver Inhalte für das Netz statt für TV-Sender. 


Neben YouTube sind schließlich auch das Videoportal Hulu, der alte Bekannte Yahoo, der Online-Filmdienst Netflix und selbst Amazon als Auftraggeber für eigene Serien unterwegs. Statt nur Inhalte zu lizenzieren, testen sie eigene Projekte. Den TV-Sendern entsteht damit eine gewisse Konkurrenz - und sie wie die Zuschauer sehen so der möglichen Zukunft des TVs ins Auge. 

Singer geht bei H+ dabei weiter als einige der anderen: Nicht nur, dass er nach dem Trailer gehend hochwertig und absolut auf Serienniveau produziert - das tun andere auch. Er passt aber offenbar zudem die Erzählstruktur und Logik dem Auftraggeber YouTube an: Während etwa Netflix mit dem "Gangster im Zeugenschutzprogramm-"-Format Lilyhammer noch ein relativ normales Serienformat produziert hat - 8 Folgen mit je 45 Minuten - wird die komplette erste Staffel von H+ es io9 zufolge auf 48 Episoden mit einer Gesamtlaufzeit um die drei Stunden bringen. Anders gesagt: statt Langformaten gibt es YouTube-typische Mehrminüter. Diese kommen noch dazu nicht in chronologischer Reihenfolge heraus, H+ legt nämlich einiges an Zeitsprüngen und Figurwechseln hin. Nutzer sollen sich so in Playlists ihre Lieblings-Reihenfolge zusammenstellen können. In Sachen Produktion und Narration dürfte das nicht eben kleine Herausforderungen darstellen, wenn am Ende nicht nur Stückwerk bleiben soll.

Die Zukunft des TV

Das Interessante daran ist, dass sich so verschiedene Spielarten dessen aufzeigen lassen, wie die Zukunft des TV aussehen könnte, zumindest, was Serieninhalte angeht.

Denn dass sich die Bewegtbildnutzung ändert und im digitalen Feld stärker wird, lässt sich trotz aller Streitereien um konkrete Zahlen so festhalten. Das Sehverhalten ändert sich, die Bereitschaft, linearen Programmschienen zu folgen, sinkt. Die Frage ist, wie Sender und Online-Plattformen reagieren, wie die Zukunft des TV aussieht. Denn mit dem geänderten Sehverhalten geht es auch darum, wem die Plattformen gehören, auf denen dies stattfindet. Das kann statt dem TV-Sender auch das Online-Portal, die Mediathek oder eine Video-Plattform sein.

Es hat ja schließlich Gründe, warum die großen Senderkonzerne sich so intensiv mit Social TV, Apps für Mobilgeräte sowie internetfähige Fernseher und mit eigenen Videoplattformen beschäftigen. Und warum die Online-Videodienste ins Geschäft einsteigen und dafür auch signifikante Beträge in die Hand nehmen.

Neben das lineare Programm treten verschiedene Spielarten von on-Demand abgerufenen Inhalten. Ob das nun klassisch in Wochentaktung und Standardlauflänge formatierte Serien sind, wie im Fall von Lilyhammer auf einen Schlag komplett verfügbar gemachte Staffeln oder YouTube-artige Kurzformate.  

Was sich dabei klar sagen lässt: YouTube-Stars wie die Spaßmacher von Y-Titty stellen, trotz allen Hypes, nicht die Zukunft des TV dar. Vielleicht die Zukunft oder nächste Iteration von Stefan Raab, was auch schon eine ganze Menge ist. Aber nicht die Zukunft des Mediums Bewegtbild. Es gibt Gründe, warum sich aufwändige TV-Produktionen durchgesetzt haben. Dieser Trend ließe sich sicher ein ganzes Stück zurückdrehen, unter bestimmte Budgetgrenzen wird man aber mittelfristig nicht kommen für flächendeckend auf Zustimmung stoßende Formate. Der Verweis auf die YouTube-Szene stellt nur einen Teil der Antwort auf die Frage nach der Zukunft von TV dar, beileibe nicht die ganze. 

Daher sind die Aktivitäten mit genuin für die großen Online-Player erzeugten Inhalten so interessant. Im Gegensatz zur YouTube-Szene haben sie die Mittel für große Produktionen. Und wer selbst produziert, hängt nicht von Lizenzkäufen ab. Das ist ja der Punkt, an dem etwa Google TV nach wie vor krankt - die Sender haben wenig Lust, einem etwaigen direkten Konkurrenten Inhalte zu liefern.

Der Trend zum entlinearisierten TV-Konsum ist nichtsdestotrotz feststellbar. Catch-up-Dienste und Mediatheken bedienen ja bereits das zeitlich gelockerte Fernsehen. Komplette Serien auf Abruf kommen dem noch weiter entgegen. Zudem entsprechen sie dem DVD-Sehverhalten. Nicht umsonst bietet Netflix Lilyhammer en bloc an. Das soll das bei den Nutzern festgestellte Verhalten des binge viewing - das Sehgelage in Anlehnung ans Saufgelage - bedienen, wenn sie in kurzer Zeit Serienstaffeln in ein paar Sitzungen runterreißen. Etwas, das generell die on-Demand-Angebote bedienen. Der Nutzer will das, was er sehen will, zu der Zeit und in der Menge sehen, die ihm genehm ist. Die Emanzipation des Zuschauers vom Programmschema sozusagen. Die Doppelpässe, die hier ProSiebenSat.1 zunehmend mit MyVideo spielt, gehen dabei in eine interessante Richtung - etwa die zeitgleich frei auf MyVideo angebotenen Serien, die parallel normal im TV ausgestrahlt werden, ohne dass sich die Kanäle gegenseitig schaden (siehe Spartacus).

Nichtsdestotrotz dürfte eine Programmierung, zumindest im Sinne von Empfehlungen, erhalten bleiben. Es geht ja auch darum, Zuschauer spontan an neue Dinge heranzuführen. Ob diese Empfehlungen nun redaktionell, durch Social-Media-Verdrahtung oder algorithmusgetrieben sind, wird vom Anbieter abhängen. Und Event-Programmierung bleibt ohnehin bestehen. Beides kann aber für Erfolgmodelle nur ein Element sein, der Weg zu on-Demand ist zwingend. 

Was die diversen Ansätze vereint, ist eins: Die Frage nach der Refinanzierung. Die versuchte Antwort schwankt jeweils zwischen den Polen Werbung und Gebühr, in einigen Fällen garniert mit späterer Verwertung bei TV-Sendern oder auf DVD. Nicht umsonst fällt die Riege der großen Onlinevideo-Anbieter mit ihren Programmen auf - sie haben das Budget, auch Experimente zu wagen. Hier geht es auch nicht bei jedem Projekt darum, dass es zwingend Gewinne bringen muss - originäre Formate sollen auch zusätzliches Publikum bringen und binden. Das gilt für YouTube wie für Hulu und Netflix, bei den ersten beiden geht es daneben noch um zusätzliche Werbekunden. 

Bryan Singers H+ erzählt also hoffentlich nicht nur eine spannende Geschichte, sondern hilft, zusammen mit einigen anderen Projekten dabei, Antworten auf eine ganze Reihe von Fragen zu erkunden: Wie gut nimmt das Publikum reine Web-Serien schon an? Was heißt es für die Strukturen von Narration, Produktion wie auch Ausstrahlung und Programmierung, wenn das Publikum on-Demand sieht? Und, wie auch sonst im Medienbereich: Wie verdient man damit Geld?

Fortsetzung folgt.

Kommentare:

  1. Ich bin wirklich gespannt, wie diese Premium-Serien auf Dauer im Netz angenommen werden. Bis jetzt sind die Erfolge eher bescheiden Auch H+ findet medial nicht statt - und die Abrufe sind ein Graus. Insbesondere für den Aufwand.
    Ich stimme aber zu, dass Y-Titty, Daruum, Gronkh und Co. nicht die Content-Zukunft sein können. Ich hoffe, es wird eine Mischung aus beiden Grundwerten: Hohe Produktionsqualität und natürliche Dialogfähigkeit.

    Wer das dann allerdings bezahlen soll, ist weiterhin offen...

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    1. Stimmt. Von spektakulären Zahlen ist das alles noch reichlich weit entfernt. Und die Mischung klingt auch nicht verkehrt.

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